Forschung   

Konzept

Wissenschaftlich fundierte Arbeit an der interdisziplinären Schnittstelle zwischen Musik, Kultur- und Medienwissenschaft. Diese Forschung verbindet reflexive Praxis mit Anwendungsorientierung: historische und theoretische Recherche mit interdisziplinärer Methodik und als Artistic Research in praktischer Umsetzung und experimentellen Formaten.

                                                                                  Rhythmus : Herzkulturen

                     Züricher Hochschule der Künste : Herzkulturen

 In der Musikwissenschaft wird Rhythmus als Stiefkind behandelt. Mittlerweile haben sich andere Wissenschaften den zeitlich periodischen Verläufen des Lebens angenommen, wie die Chronobiologie oder neuerdings auch die Chronopharmakologie. Um die Rhythmusforschung in der Musikwissenschaft zukünftig angemessen und prominent zu positionieren, wird hier vom Herzrhythmus ausgegangen, jenem Massstab, an dem sich die Musik über Jahrhunderte ausgerichtet hat. Im interdisziplinären Ansatz richtet sich die Forschung zu den Herzkulturen gleichermassen an die naturwissenschaftlichen Ergebnisse zum „Organ“ wie an die geisteswissenschaftlichen Fächer und an die Künste mit ihren metaphorischen Inszenierungen. Das Herz, als Ort intimer Wahrheit, nimmt einen überwältigenden kulturellen Ort ein, an dem die Musik eine Hauptrolle spielt: strukturell (Tempo) und poetisch (Expressivität) bearbeitet die Musik seit Jahrhunderten den Herzton als rhythmische Materialität. In Form von Soundessays werden Umgebungen der Herzkulturen (Hospitäler, Texte, Filme, Sound Designs) ästhetisch reflektiert.

                                                                Musiktheater :  B. A. Zimmermann 

 „Schöpferische Mythologien“ (J. Campbell) nehmen im Musiktheater des 19. und 20. Jahrhunderts einen bedeutenden Raum ein. Von Wagners Ring-Tetralogie ausgehend entstanden neben vielen anderen Projekten Stockhausens Licht-Opern. B. A. Zimmermann, bekannter durch seine legendäre Oper „Die Soldaten“ und sein Konzept der „Kugelgestalt der Zeit“, verfolgte im Tanztheater der 1960er Jahre, gemeinsam mit u.a. John Cranko, eine sehr zeitgenössische Konzeption schöpferischer Mythologie (s.a. Habilitationsschrift: Musik der Schwerkraft, Kadmos Berlin 2012). Atonale Musik und Zitatcollage treffen auf ein fragmentiertes Körperbild. In Zusammenarbeit mit der Choreographin Maria Terpugova wurden die Kompositionen konextualisiert; es entstanden bereits Choreographien zu Zimmermanns Frühwerken (Alagoana, das Gelb und das Grün). 

                                                                                          Filmmusik : Film noir

                     Züricher Hochschule der Künste : Film noir

 Forschungen zur Filmmusik befassen sich häufig mit Funktionen. Dabei wird meist die wichtigste vergessen: Die emotionale Wirkung. Am Beispiel eines Subgenres des Kriminalfilms, dem Film noir, wird untersucht, wie die Musik emotional den Film begleitet, steuert, die Zuschauer manipuliert und Emotionen nicht nur vertont, sondern als Filminhalt ästhetische Wirklichkeit werden lässt. Im Rahmen des Film noirs sind es vor allem die Gefühle von Schuld, Resignation, Verführung und Paranoia, die die Musik durch Erinnerungsinszenierung (Rückblenden) vergegenwärtigt. Das Innovationspotential des Film noir, das die prominente Entwicklung ausgehend von

u.a. Billy Wilder / Miklos Rozsa bis zum Postnoir bei u.a. Davild Lynch / Angelo Baddalamenti verzeichnet, ist nicht zuletzt durch diese Gefühlssphären begründet.

                                               Cultural Media Studies : Atmosphären hören

 Gernot Böhme hat mit seinen „Atmosphären“ einen wichtigen Beitrag zur gegenwärtigen Aufgabe ästhetischer Reflexion geliefert. Kaum wird hier die Ebene des Musikalischen betreten, wo das Atmosphärische beheimatet ist – im Ambient. Im Anschluss an die Minimal Music Steve Reichs, Terry Rileys und Philip Glass’ hat Brian Eno in den 1970er Jahren das Konzept eines neuen Hörens entwickelt (vgl. David Toop, Ocean of Sounds). Diese atmosphärische Klangkunst bietet einen Ansatz, um die Atmosphärenforschung im Rahmen der Aisthesis, auch im Akustischen, an der Grenze zwischen Theorie und Praxis, zu bearbeiten. Im Rahmen der kritisch orientierten Cultural Media Studies gilt es, eine reflektierte Praxis zu entwickeln und Positionen des Produzierens und vor allem des (Zu-)Hörens zu bestimmen.

                                                                        Europa Ost|West : Bela Bartok

 Gegenwärtig droht durch die rigide Herrschaft des Wirtschaftlichen die Kultur Europas unterzugehen. Indem künstlerische Projekte wie Eintagsfliegen gefördert werden, um im nächsten Augenblick zu verschwinden, oder aber der historische Werkkanon eindimensional zementiert wird, verliert europäische Kultur ihre Identität. Das kulturelle Gedächtnis (A und J. Assmann) als historische Instanz und als imaginäres Archiv gewinnt eine Schlüsselposition, auch in der Musik. Als „Weltmusik“ schlagen sich Techniken entgrenzenden Musizierens nieder, die zu einer Globalisierung des Klangs führen. Die Probleme einer Vermittlung regionaler Charaktere und anonym globalisierter Ordnungsschema, m.a.W. das Zusammentreffen zwischen nationalen und internationalen Handlungen und Interessen wurde exemplarisch auf kompositorischer Ebene ausgetragen vom ungarischen Komponisten Bela Bartok (1881 – 1945). (s. Dissertation: Zur Aufwertung des Rhythmus, Frankfurt/M 2000)

                                                   Formate | Methoden : Intermedialer Essay

 Wissenschaftliche Forschung und künstlerische Praxis haben sich in den vergangenen Jahrhunderten vielfältig verwoben. Romane von Proust und Joyce wurden zu Forschungen über das Bewusstsein, ebenso Kompositionen von Schönberg bis Cage. Filmessays von Alexander Kluge und Chris Marker liefern Modelle einer innovativen historischen Forschung. Im Rahmen der hier vertretenen Forschungsprojekte wird der Soundessay entwickelt, angelehnt an die Soundscapes und Soundwalks, die sich im Zuge der Musique concrète und der Forschungen Murray Schafers herausgebildet haben. Der Soundessay kontextualisiert Wirklichkeiten von Klängen, die meist durch funktional gebundene Abläufe nicht ins Bewusstsein dringen.